Der Simultandolmetscher – das unbekannte Wesen
Simultandolmetscher – über wenige Tätigkeitsfelder
bestehen bei Außenstehenden und selbst bei den Nutzern unserer
Leistung so viele ungenaue und oftmals falsche Vorstellungen. Dies
beginnt schon mit der Berufsbezeichnung – und so sind für
das, was wir tun, die unterschiedlichsten Umschreibungen zu hören. „Ah,
Du bist einer dieser Synchronübersetzer!?“ „Interessant,
Sie gehören zu diesen Montandolmetschern?“ „Simultansprecher?
Ich nehme an, das ist ein Beruf wie jeder andere…“ „Wird
man denn bezahlt für solche Direktübersetzungen – oder
heißt es besser Simultandolmetschungen?“ „Ach,
Sie sind einer dieser Fernsehübersetzer?“
Soweit eine kleine Auswahl von Entgegnungen, die ich höre,
wenn ich erkläre, ich sei von Ausbildung und Beruf her Konferenzdolmetscher.
Auf Fragen wie: „Sind Sie dann einer dieser Stardolmetscher?“ oder: „Muss
man Stardolmetscher sein, um TV-Dolmetscher zu werden?“ fällt
die angemessene Antwort schon deshalb schwer, weil Übersetzer
und Dolmetscher von ihrem Wesen her eher bescheidene und schüchterne
Menschen sind, wie der große spanische Soziologe Ortega y
Gasset schon 1937 in seinem unvergessenen Essay „Elend und
Glanz der Übersetzung“ *) festgestellt hat.
Ist die Berufsbezeichnung einmal geklärt, so wird man durch
Journalisten, Kunden und andere Gesprächspartner immer wieder
gerne als Sprachakrobat bezeichnet. Oder als Sprachkünstler,
Sprachgenie und Sprachtalent.
Es würde den Zusammenhang dieser Beschreibung sprengen, nun
detailliert darzulegen, warum die Sprache für den Simultandolmetscher*)
nicht mehr ist als die Kelle für den Maurer oder das Piano
für den Pianisten. In allen Fällen ist der Besitz des
Instruments längst nicht die Garantie für das praktische
Wissen und die Kunstfertigkeit, ohne die eine erfolgreiche Ausübung
der jeweiligen Tätigkeit gar nicht denkbar wäre. Simultandolmetschen
ist kommunizieren in zwei Sprachen! Und jede zweisprachige, d.h.
internationale Kommunikation bleibt unwirksam ohne jene interkulturelle
Dimension, die über den allzu engen Rahmen reiner Sprachkenntnisse
in ihrer hergebrachten Bedeutung weit hinausgeht.*)
Dem Simultandolmetschen wohnt andererseits nicht ein Hauch jener
Magie inne, die oftmals aus dem Umstand hergeleitet wird, dass
Simultandolmetscher „gleichzeitig zuhören und sprechen“.
Geschehen diese Prozesse simultan? Also wirklich gleichzeitig?
Was ist Gleichzeitigkeit? Trotz des Branchenkalauers, demzufolge
ein guter Simultanübersetzer immer einen Satz voraus ist,
müssen wir das Gesagte erst gehört haben, bevor wir es
in einer anderen Sprache ausdrücken können. Nur müssen
wir möglicherweise einen Satz nicht bis zu seinem formalen
Ende, bis zum Punkt, anhören, um zu verstehen, worum es in
der Aussage geht.*) Textverständnis ist nicht von der Syntax
abhängig – schon bevor ein Satz zu Ende ist, hat man
ihn oft verstanden – und dieses Antizipieren lernen Simultandolmetscher
früher und gezielter als andere Zuhörer. Tennisspielern
geht es kaum anders. Wie mir einer der ganz Großen dieser
Branche einmal sagte: „Wenn ich mit der Ausholbewegung abwarte,
bis der Ball auf meiner Seite aufgesprungen ist, dann brauche ich
nicht mehr auszuholen…“ *)
Nun noch einige Hinweise darauf, was gutes Simultandolmetschen
*) ausmacht - nicht um unsere Arbeit ihrer „Mystik“ zu
berauben oder um sie zu entzaubern, sondern um verständlich
zu machen, warum sie mit etwas Talent, viel Neugier und Sprachgefühl – und
natürlich jeder Menge Fleiß sehr viel mehr Menschen
eine Berufsgrundlage sein könnte als dies gemeinhin angenommen
wird.
Wie oft werde ich gefragt, was einen guten Simultandolmetscher
ausmacht! Und wie banal ist die Antwort auf diese Frage! Die Voraussetzungen,
das nötige Talent sind nämlich gleichzeitig die Grundlage,
die unverzichtbaren Ingredienzien für eine Reihe weiterer
Berufe – überdurchschnittlich hohe Konzentrationsfähigkeit,
solides Fachwissen (vergleichbar mit dem von Fachjournalisten),
sichere Sprachbeherrschung, auch im Sinne von Sicherheit in der
Praxis unterschiedlichster Sprachregister und Diktionsformen, die
Fähigkeit, innerhalb von Sekundenbruchteilen sprachliche Lösungen
zu prüfen, zu vergleichen und zu verwerfen, das heißt
blitzschnell Entscheidungen zu treffen. Und natürlich eine
unersättliche, nie restlos zu stillende Neugier – Neugier
auf kognitives Wissen, auf Fakten und Denkmodelle, auf Menschen
in ihrer Verschiedenartigkeit.
In diesem wohlverstandenen Sinne kommt der Simultandolmetscher
bzw. kommen jedenfalls die Angehörigen der Simultandolmetscherelite
mitunter dem Ideal des großen W. v. Humboldt verdächtig
nahe, von dem es heißt, er habe das Wissen seiner Zeit in
sich vereinigt. Kein Dolmetscher kann heutzutage das Wissen seiner
Zeit in sich vereinigen – aber jeder Topdolmetscher muss
sich dies wünschen und bemüht sein, dieser Utopie mit
jedem Tag einen Schritt näher zu kommen.
*Dem interessierten Leser geben wir gerne jederzeit
Hinweise auf unsere weiteren, ausführlicheren Ausarbeitungen
zu diesem Thema, in denen auch praktischen Beispielen mehr Raum
gegeben werden konnte als im vorliegenden Zusammenhang
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