|
"Allerdings ist der Übersetzer meist ein ängstlicher
Mensch. Aus Schüchternheit hat er diese, die geringste aller
Beschäftigungen gewählt", schreibt Jose Ortega y
Gasset in seinem Essay "Glanz und Elend der Übersetzung".
Jürgen Stähle findet, daß der Spanier damit recht
hat. "Das gilt auch für mich." Dabei ist Stähle
Deutschlands renommiertester Simultandolmetscher. Für seine
Leistungen hat er im März des vergangenen Jahres den Adolf-Grimme-Preis
"Spezial" erhalten. In der Würdigung heißt
es: "Jürgen Stähle ist eben mehr als nur ein Dolmetscher:
Er ist Interpret, der nicht nur Sinnvermittlung, sondern auch die
Wiedergabe sprachmentaler Unterschiede zwischen den Gesprächsteilnehmern
verschiedener Nationen und Kulturen zu leisten vermag."
"Ich spiele mit Worten wie ein Pianist auf dem Klavier",
sagt er von sich. Nach der Schule studierte Stähle Angewandte
Sprach- und Kulturwissenschaften und besuchte in Genf und Paris
Übersetzerschulen. Seitdem ist er als freier Dolmetscher tätig,
arbeitet regelmäßig für Arte, die ARD und das ZDF.
Von 1976 bis 1980 hat er als Beratender Dolmetscher für Willy
Brandt gewirkt, der als Präsident der Sozialistischen Internationale
zahlreiche Auslandskontakte pflegte.
"Ich habe viele Dolmetscher kennengelernt, die behaupten,
sie seien zweisprachig - in Wirklichkeit waren sie in keiner Sprache
richtig zu Hause", sagt er.
"Ich gehe so weit, daß ich manche Kunden bitte, ihre
Termine zu verschieben, wenn ich nicht die besten Dolmetscher für
sie verpflichten kann." Anspruchsvolle Kunden machen das mit,
denn sie wissen um den Wert eines perfekten Dolmetschens.
Eine besonders herausfordernde Aufgabe war für Stähle
in jüngster Zeit ein Gespräch zwischen Günter Grass
und Pierre Bourdieu, das er für Arte dolmetschen mußte.
Der Dolmetscher muß ständig analysieren und entscheiden,
er muß Formulierungen entwerfen und verwerfen. Und dies alles
in wenigen Sekunden, die ihm zwischen dem Hören und dem eigenen
Sprechen bleiben, während er manchmal noch unter technischen
Problemen leidet.
Jürgen Stähle hat ein Netzwerk von Dolmetschern, die
seine Ansprüche erfüllen, mitbegründet, er arbeitet
häufig fürs Fernsehen und ist oft bei großen Sportereignissen,
wo er zum Beispiel Mika Häkkinen und den Ex-Radprofi Bernard
Hinault simultan übersetzt hat; er wird zu wichtigen Medizinerkongressen
verpflichtet und wurde bereits mehrfach selber porträtiert.
Der Dolmetscher ist am besten, wenn derjenige, für den er
arbeitet, den Umweg seines Redens über ihn gar nicht mehr wahrnimmt.
Darum hat Stähle auch keine Angst vor den schlecht ausgebildeten
Dolmetschern, die sich derzeit für Billiglohn auf den Markt
drängen. "Wer einmal einen hervorragenden Dolmetscher
erlebt hat, wird immer wieder zu ihm zurückkehren."
Was nicht heißt, daß auch ein hervorragender Dolmetscher
nicht noch besser werden könnte. "Ich bin Perfektionist",
sagt Stähle, und daher ist er nie zufrieden mit dem, was er
macht.
|